Selbstverschuldete Zwangspause.

Wenn man heiß duscht und dabei zittert, dann läuft irgendwas falsch. Mächtig falsch.

Manchmal bin ich auch doof. Anfang der Woche habe ich meinen Impfstatus in Form einer Vierfachimpfung auffrischen lassen. Damit war ich mal eben 17 Jahre zu spät dran. Aber mal ganz abgesehen davon – hätte ich danach keinen Sport machen dürfen. Klar, mir ging es soweit gut. Und na ja, das bisschen Krafttraining. Kann doch wohl nicht so schlimm sein.

Dummerweise hatte Mark Lauren just an diesem Tag ein ganz besonders heftiges Setting für mich parat.

Oberarmtraining mit ganz vielen Reps, ganz kurzen Pausen und dann wieder ganz vielen Reps. Und schon beim Training dachte ich so: Merkwürdig, das ist heute irgendwie anstrengender als sonst. Direkt danach fing ich dann an zu Zittern und bekam so eine Art Instant-Muskelkater am ganzen Körper. Am nächsten Tag ging es mir richtig dreckig. Selbst Schuld. Das mit der Impfung hatte ich irgendwie erfolgreich verdrängt. Und es hat sich nicht minder erfolgreich in mein Bewusstsein zurück gedrängt.

Die Bikinifigur muss nun zehn Tage pausieren. Ich ahne jetzt schon, wie schwer der Wiedereinstieg werden wird.

Tag 22. Bye, Ihr schönen Muskeln. Ich habe zu viele Pausen eingelegt.

Seit Tagen schon guckt Mark Lauren mich wesentlich vorwurfsvoller aus dem Tablet heraus an, sobald ich die App einschalte. Jedenfalls bilde ich mir das ein. Sein Blick ist irgendwie noch strenger, noch Drillinstructor-mäßiger als sonst. Ja. Schande über mein Haupt. Ich habe den ein oder anderen Trainingspausentag zu viel eingelegt. Merke ich auch total. Fühle mich direkt wesentlich unfitter. Die Muskeln hängen wieder. Und das Trainieren an sich fällt mir, wenn ich mich denn dazu aufgerafft bekomme, deutlich schwerer.

Aber – es ist Halbzeit angesagt!

Ich habe 22 von 44 Tagen geschafft. Wenn das kein Grund ist, den Hintern noch mal hoch zu kriegen und den Rest auch noch durchzuziehen.

Allerdings bin ich auch ein wenig mucksch. Das Programm ist mir zu sehr auf männliche Bedürfnisse ausgelegt. Fühle mich benachteiligt. Denn der Kindsvater hat ein paar Tage später begonnen, ist dann aber locker an mir vorbeigezogen und schon bei Tag 30. Was man ihm auch ansieht. Die Muskelberge sprießen bei ihm, wo ich schon darüber jauchze, dass man meinen Bizeps überhaupt sehen kann, sobald ich ihn anspanne.

Life is unfair, manchmal.

Tag 18. Trainingstief. Ganz tief.

So, ich bin in Woche fünf angekommen. Und alles, was ich bei jeder verdammten Übung denke, ist: Die ist doch viel zu schwer! Und nun kommt der Zwiespalt. Es wäre nur ein kleiner Griff zum Tablet, und ich könnte die Variationen von moderate auf easy stellen. Dabei steht mir aber mein Stolz im Weg, und der keift ganz klar: Finger weg! Du wirst doch wohl noch ein paar alberne Liegestütze schaffen!

Die Wahrheit lautet: Ich komme kaum runter, und noch schlechter wieder hoch. Die fünf Ellbogenknickerchen, die ich da mit Ach und Krach hinlege, haben den Namen Liegestütze gar nicht verdient. Aber ich beiße. Der Drillinstructor kriegt mich nicht klein. MICH NICHT. Blödmann.

Stagnation: Bin ich am Bootcamp-Limit angekommen?

Tag 14. Ja, ich bin immer noch dabei. Es tut immer noch gut. Was ich aber etwas enttäuschend finde: die Muskeln werden nicht so schnell stärker wie am Anfang. Bin ich etwa schon am Limit angekommen? Heute war ich mit L in einer Shoppingmall, und dort gab es so einen Eiweiß-Muskelaufbau-Zeug-Laden. Mir kam kurz der Gedanke… aber dann sah ich mich so gar nicht mit so einem Bottich unter dem Arm da rausspazieren. Das riecht doch irgendwie nach Doping.

Vielleicht brauche ich einfach nur ein bisschen Geduld, der nächste Muskelschub wird schon kommen.

Eltern mit eingebauter Role-Model-Filterfunktion

Manchmal verstehe ich die Eltern in meinem sozialen Umfeld nicht.

Ich zitiere…

Ich lese A grundsätzlich keine Märchen vor, in denen Prinzessinnen vorkommen, die von holden Prinzen gerettet werden. Das entspricht nicht dem Frauenbild, das ich A vermitteln möchte.

Ich lese L grundsätzlich alle Märchen vor, weil ich der Meinung bin, dass das auch was mit Allgemeinbildung zu tun hat. Sie erzählt mir daraufhin Geschichten, in denen Prinzessinnen Prinzen retten, weil sie der Ansicht ist, das könne genauso gut passieren. Da bin ich ganz ihrer Meinung und außerdem dazu in der Lage, L plausibel zu vermitteln, dass prinzessinnenhaftes Lächeln und Winken keine anstrebenswerte Lebensaufgabe darstellt.


Cars, Planes und der ganze, restliche Disney-Scheiß kommen mir nicht ins Haus.

Ja, dieses ganze, kapitalistische Comicgesocks und ihr allseits beliebter Verbreitungskanal, der Disney Channel. L liebt Prinzessin Sophia, Doc McStuffins („Spielzeugärztin!“) und Co. Warum ich sie davon fernhalten soll, erschließt sich mir nicht. Sie spielt die Geschichten nach, sie mag die Fabelwesen aus Sophia und findet die Fürsorglichkeit von Doc toll. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie genau so sein möchte. Ihr ewiges Vorbild heißt Pippi Langstrumpf, weil sie so stark und unbesiegbar ist, und weil sie fliegen kann, und weil sie erwachsene Männer auf Bäume wirft.


Prinzessin Lillifee ist die Ausgeburt der Hölle.

Ja, ich gebe zu, mit Lillifee war ich auch nicht immer ganz im Reinen. Aber was soll ich sagen, die Filme sind nett gemacht, in den rosa Glitziheften gibt es neben Nagellack auch anwendbare Backrezepte, und es macht Spaß, sie durchzublättern. Selbst mir. Ich kann das intellektuell minderbemittelte Schweinchen Pupsi ganz gut ignorieren, und L macht die rosa Blinkewelt Spaß. Außerdem habe ich für L ein eigenes Gutenachtlied erfunden, in dem es um Lillifee geht. Das ist nach wie vor das beste Mittel überhaupt gegen Schlaflosigkeit. Allein deshalb wäre Lillifee aus unserem Leben gar nicht mehr wegzudenken.


Wer seine Tochter mit Barbies spielen lässt, kann ihr auch gleich eintrichtern, das Leben einer Stepford Wife sei erstrebenswert.

Nein. Ich kann L mit Barbies spielen lassen und trotzdem dafür sorgen, dass ihr Idealbild einer Frau nicht 1:1 dem der Plastikpüppchen entspricht. Und dabei setze ich mich nicht beim Spielen alle fünf Minuten neben sie, um ihr das ins Gedächtnis zu rufen. Sie hat einfach Spaß daran, die Puppen tanzen zu lassen. Das werde ich ihr weder vorenthalten, noch werde ich sie dazu drängen, noch werde ich es ihr nehmen. Ich habe die vage Hoffnung, dass sie sich vielleicht eher an den lebendigen, weiblichen Personen in ihrem Umfeld orientiert. Und da kann ich ganz guter Dinge sein, was die vorhandenen, stets präsenten, weiblichen Vorbilder in Ls Umgebung betrifft.


Ich glaube, in puncto Role-Model sind die Dinge bei uns ohnehin ganz gut im Flow.

L hat einen Vater, der alleine einen Haushalt schmeißt, gleichzeitig mehr als Vollzeit arbeitet und einen Schuhtick entwickelt hat. Und eine Mutter, die sich in der Midlife-Crisis ein Cabrio kauft, auf den HSV und die Chicago Bulls abfährt und ihren Schuhtick seit Jahren kultiviert. Gemein haben wir, dass wir diese Eigenschaften eher aus Notwendigkeiten als aus Koketterie heraus entwickelt haben und dass uns egal ist, was andere davon halten. Wir tun diese Dinge nicht, um bewusst einem Klischee zu entgehen, oder um zu zeigen: Ha, seht her, wir können alles, egal, ob es nun als typisch weiblich oder typisch männlich angesehen wird. Wir tun es, weil wir so sind. Und ja, ich kann das, weil es Vorkämpferinnen gab, die es mir ermöglicht haben, so zu leben, wie ich es tue.

Jeder kann das mit den künstlichen Vorbildern handhaben wie er will.

Was ich an diesen strikten Grundhaltungen allerdings nicht verstehe: Kann es wirklich besser sein, die gehassten Figuren wegzuignorieren und dem Kind vorzuenthalten? Ist es nicht meistens klüger, ihm den Zugang zu erlauben und sich gemeinsam mit den Dingen auseinanderzusetzen? Und erledigen sich manche Faszinationen dann nicht auch mal von allein?

Ich halte es da mit Astrid Lindgren, die zeitlebens immer davor gewarnt hat, Kindern zu wenig zuzutrauen, zu wenig Urteilsvermögen, zu wenig Belastbarkeit. Sie hat immer dafür plädiert, ihnen gerade die Auseinandersetzung mit Traurigem, Bösem und nicht Erstrebenswertem zu ermöglichen. Denn gerade darin liegt doch die Spannung. Sich selbst ein Bild von den Dingen machen zu dürfen, ist meiner Meinung nach auch eine Menge wert.

Im tiefen Tal der Tränen: dieser Mistkerl!

Da erhöht der doch einfach den Schwierigkeitsgrad! Bis Woche zwei war noch alles easypeasy, mehr so Mutti-Wohlfühlcamp. Und jetzt? Willkommen in der Drillinstructor-Hölle. Woche drei kommt mit quälenden Sit-ups daher, und ich soll 12 – in Worten ZWÖLF – von diesen fiesen Push-ups machen, von denen ich gerade mal acht schaffe, und das dann auch noch drei Mal hintereinander.

Ich glaub‘ es hackt!! Wie soll ich das denn mit diesen dünnen Ärmchen nach gerade mal acht Trainingstagen bewerkstelligen?

Tiefpunkt. Weiß noch nicht, wie ich den überwinden soll. Und das an gerade mal Tag neun von 44 – in Worten: vierundvierzig! Das macht der doch mit Absicht. Ich bin tief enttäuscht.

Muttitasking im Homeoffice

L ist krank, Mama arbeitet deshalb ausnahmsweise von zu Hause aus. Ein Abenteuer für sich.

8:45 Uhr: Ich werde vom schnupfengeprägten, nebenhöhlenverstopften Schnarchen des Kindes neben mir wach und starre geschockt den Wecker an. Normalerweise stehe ich in Hamburg morgens um 6 Uhr auf, um pünktlich in Lübeck auf Arbeit zu sein. Heute nicht. Heute ist Homeoffice-Tag. Das Kind ist krank und deshalb nicht KiTa-kompatibel, ich werde also zu Hause arbeiten und sie vor dem Fernseher / dem Tablet / dem Tiptoi-Buch / dem Fernseher / dem Tablet / und mit etwas Glück dem Barbie-Haus parken. Pädagogisch gesehen sehr wertvolle Beschäftigungsmaßnahmen. Wie ich finde.

Babysitting by Tablet

Babysitting by Tablet – funktioniert.

9:00 Uhr: Ich schmiere ihr ein Brot. Sie will eigentlich keins, muss aber trotzdem eins essen. So viel mütterliches Verantwortungsgefühl muss sein. Obst gibt’s auch noch oben drauf. Ja, das wird gegessen! Gleichzeitig checke ich meine Arbeitsmails und melde mich beim firmeneigenen Chatprogramm an. Hoffentlich hat mich noch keiner angeschrieben und wartet jetzt schon seit einer Stunde auf Antwort. Kommt nicht so gut, wenn man Homeoffice macht und ankündigt, dabei permanent erreichbar zu sein.

10:00 Uhr: Kind frühstückt immer noch, sitzt eingewickelt in die Bettdecke am Esstisch und darf beim Frühstücken fernsehen. Kein so schlechter Tag für sie, ihrem zufriedenen Gesichtsausdruck nach zu urteilen. Sie hat Nutella an die Bettdecke geschmiert, widmet diesem Missgeschick aber keine weitere Aufmerksamkeit. Seufzend befreie ich das Bettzeug vom kontaminierten Überzug und stecke ihn in die Waschmaschine. Ein Hoch auf den Trockner.

10:30 Uhr: Auf Arbeit steht ein wichtiges Meeting an. Ich biete an, mich per Videochat hinzu zu schalten, stelle dann aber fest, dass ich noch gar nicht geduscht habe. Was man mir auch ansieht. Nehme das Angebot kleinlaut wieder zurück. Der Trockner piept und möchte entleert werden. Ich gehorche auf’s Wort und hole die saubere Bettdecke heraus, um des Kindes Bettzeug neu zu beziehen.

11:00 Uhr: Kind liegt wieder auf dem Sofa. Das Wohnzimmer, an dessen Esstisch ich sitze und arbeite, sieht aus wie ein Frühstücksschlachtfeld. An Homeoffice-Tagen gelingt es mir meist, das zu ignorieren. Heute habe ich merkwürdigerweise Schwierigkeiten damit, mich in der Unordnung zu konzentrieren. Die Gretchenfrage lautet: Aufräumen, oder den Artikel über die Eigenschaften von Google-News-Traffic weiterlesen, dessen Hauptaussagen ich heute noch möglichst zielgerichtet zusammenfassen wollte, um an einem aktuellen Projekt weiterarbeiten zu können. Ich entscheide mich, beides gleichzeitig zu machen. Stelle den Laptop in der Küche neben dem Spülbecken auf und fange mit dem Abwasch an, wobei ich links den Artikel mitlese. Schütte mir natürlich Spülwasser über den Ärmel – so ist das halt, wenn man nicht hinguckt. Geduscht habe ich immer noch nicht, falls es jemanden interessiert.

11:10 Uhr: Ich kippe den Rest Nutellabrot, der vom Kind verschmäht wurde und an dem ich mich nicht anstecken möchte, schwungvoll in den Mülleimer. Um dann festzustellen, dass kein Müllbeutel drin ist. Nutella kontaminiert also nicht nur die Bettdecke, sondern auch noch den Mülleimer. Ich hasse Nutella.

11:17 Uhr: Abwasch pausiert. Kollege A möchte, per E-Mail einfordernd, dass ich einen Text gegen lese. Ich schicke schnell kleine Korrekturen zurück. Beim Tippen kippt mir fast der Laptop ins Spülwasser. Kind hustet im Hintergrund und stellt missbilligend bis lautstark fest, dass seine Wassertrinkflasche leer ist. Ein unhaltbarer Zustand. Ich springe los und fülle nach. Der Abwasch guckt mich vorwurfsvoll an. Ich würde so gerne mal duschen.

11:45 Uhr: Kind guckt immer noch KiKa, die gefühlt achtzigste Folge von „Wickie und die starken Männer“. Ich lese und beantworte Arbeitsmails.

12:00 Uhr: Kind ist aufs Tablet umgestiegen. Guckt jetzt Barbie-Filme darauf. Ist selig. Bilde mir ein, ihr Husten sei besser geworden. Kann jetzt ungestört Arbeits-Tickets aufbereiten. Abwasch habe ich auch erledigt. Läuft.

12:10 Uhr: Mittagspause. Nutze ich, um zu duschen. Bin mir inzwischen nicht mehr sicher, ob die quadratisch anmutenden, dunkel unterlaufenen Augen des Kindes immer noch auf die Erkältung zurück zu führen sind, oder doch schon auf den übermäßigen Medienkonsum. Und ach ja: Irgendwas muss ich ihr ja auch zu Mittag machen.

13:30 Uhr: Mittagessen wird überschätzt. Bin noch nicht zu gekommen. Musste Konzept weiter ausarbeiten. Kind wollte zwischendurch plötzlich eine Amazon-Geburtstagswunschliste erstellen, mit dreihundert neuen Barbies drauf. Konnte ich argumentativ abwehren. Sie hustet jetzt wieder demonstrativ vor sich hin, um ihrem Protest Ausdruck zu verleihen.

13:32 Uhr: Wohnzimmer liegt in Barbie und Asche. Frage mich, wozu sie noch mehr davon braucht?

Barbies, soweit das Auge reicht...

Barbies, soweit das Auge reicht…

13:35 Uhr: Kind hat Hunger. Wo hatte ich noch das Pfannkuchenrezept??

13:50 Uhr: Suche immer noch Pfannkuchenrezept. Kind mault. Finde Pfannkuchenrezept. Neuland sei Dank!

15:00 Uhr: Pfannkuchen schmeckten pappig. Irgendwas hab‘ ich falsch gemacht. Aber Kind ist wieder satt und glücklich. Weigert sich allerdings, Zähne zu putzen. Der Abwasch guckt mich erneut vorwurfsvoll an. Ich winke ab. Keine Chance, ich muss arbeiten.

Rettung in letzter Not: Unser Mittagessen

Rettung in letzter Not: Unser Mittagessen. Pappig. aber sättigend.

15:05 Uhr: Doch schnell den Abwasch gemacht. Kam mit meinem Google-News-Konzept nicht weiter.

15:07 Uhr: Kind hat endlich Zähne geputzt. Motzt aber, weil es keine Handtücher mehr gibt. Hat jetzt ein nasses Gesicht, und das alles nur meinetwegen, weil ich auf dieses lästige Zähneputzen bestehen musste. Ein echter Stimmungskiller. Ich nehme die volle Wäschetruhe mit den ungewaschenen Handtüchern und stopfe sie in die Waschmaschine.

15:30 Uhr: Kind lässt sich mit Schokoriegeln besänftigen. Natürlich super direkt nach dem Zähneputzen. Wieder einen Schritt näher am Titel „Mutter des Jahres“. Dafür war es die letzten Minuten herrlich ruhig. Google-News-Konzept flutscht wieder. Viele interessante Artikel gelesen. Im Hintergrund spielt das Kind seelenruhig mit den Barbies. Wir sind gerade ein Vorzeige Mama-Kind-Homeoffice-Team.

16:00 Uhr: Der Kindsvater kehrt mit Muffins nach Hause zurück und unterbricht die heile Homeoffice-Harmonie. Dabei lief es gerade so gut. Wobei, auf Arbeit würde ich mir jetzt auch einen Kaffee holen und ein paar Schokoriegel reinziehen. So what.

16:10 Uhr: Waschmaschine piept, Handtücher sind fertig. Hole sie raus, stopfe sie in den Trockner, der mich auch in einer Dreiviertelstunde wieder aus den Gedanken reißen wird.

17:00 Uhr: Fast eine Stunde lang konzentriert gearbeitet. Niemand wollte was von mir. Keine Wasserflaschen auffüllen, keine Telefonate entgegen nehmen, keine Mails mit Handlungsaufforderungen, kein Abwasch war zu erledigen. Erholsam! Oder auch nicht. Der Trockner piept. Ich begebe mich seufzend in den Keller. Das Ding macht mich fertig.

19:00: Kind geht ins Bett. Mama arbeitet alles nach, was sie aufgrund sämtlicher Ablenkungsmanöver tagsüber nicht geschafft hat.

22:00: Mama meldet sich vom Firmenchatprogramm ab. Gute Nacht, Kollegen, die Ihr schon seit Stunden auf der Couch vorm Fernseher liegt. Ich mache jetzt auch Feierabend.

Am Ende des Tages kann ich zwar guten Gewissens behaupten, dass weder Kind noch Arbeit zu kurz gekommen sind, aber ein normaler Arbeitstag im Büro ist doch um einiges effektiver. Andererseits kann ich dort keine Zeit mit meiner Tochter verbringen. Dennoch – ein dauerhaftes Modell wäre es nicht für mich. Meine Bewunderung gilt allen, die ständig von zu Hause aus arbeiten. Es erfordert eine Menge Disziplin, gute Organisation und Konzentration.

Und einen Haushalt ohne piepende Gerätschaften.

Bikinibootcamp, Woche 2, Tag 8/44: Es wird härter. Alles.

Mir steht heute Tag 8 des Trainings bevor, und ich muss auch noch ein Foto für Woche 2 machen, um den Zwischenstand zu dokumentieren. Ich bin also immer noch mit You are your own gym beschäftigt und habe inzwischen sogar andere damit angesteckt. Problem ist nur, dass ich mich im Gegensatz zu denen gerade im Motivationsloch befinde.

Gestern habe ich höchstens die Hälfte der geforderten Wiederholungen geschafft. Könnte natürlich an den Satésticks mit Erdnusssause (ich schreibe das absichtlich mit „s“, manche Mitleser dürften wissen, warum) und der sehr leckeren Virgin Strawberry Colada in der Ohana Bar mit der sehr netten Kollegin gelegen haben. Also weniger an der Kollegin.

Vielleicht sollte ich mir endlich mal merken, dass ein fürstliches Abendmahl plus Alkoholkonsum meinem Trainingserfolg nicht gerade zuträglich sind.

Ich vergesse das dauernd.

Die gute Nachricht hinsichtlich meines Bikinibootcamps lautet allerdings: Es ist hart, aber meine Muskeln werden härter. Gerade zu Beginn des Trainings merke ich inzwischen, wie sie „Hallo, hier sind wir!“ schreien, wo sie anfangs vielleicht zaghaft: „Was soll das?“ geflüstert haben. Ich mache also weiter.

Bikinibootcamp 2015, Woche 2: Die Oberarmmuskulatur wächst, finde ich.

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Bikinibootcamp, Woche 2, Tag 5/44: Versagt auf ganzer Linie

Nach vier Tagen Dauertraining war ich sowas von „my own gym“. Dann musste ich einen Tag pausieren, und an Tag 5 war alles vorbei. Nichts ging mehr. Okay, die Lasagne hätte vorher vielleicht nicht Not getan. Kann auch gut sein, dass ich gegen 22 Uhr einfach zu müde zum trainieren war. Jedenfalls habe ich keine der Übungen an Tag 5 auf die Reihe gekriegt.

Ich hing verzweifelt am Geschirrhandtuch, das ich um die Türklinke gewickelt hatte, hockte mit gebeugten Knien vor der Tür und brach nach drei Minuten zusammen. Dabei wimmerte ich irgendwas von wegen „Meine Hände halten mich nicht mehr! Ich kann mich nicht mehr halten!!“ Noch vor wenigen Tagen habe ich die Wiederholungen mit links geschafft.

Aber das wird es nicht gewesen sein. Dieser ansatzweise erahnbare, gewachsene Bizeps an meinem rechten Arm hält mich aufrecht. Für das Sixpack am Strand 2015. Jawoll.

Oh mein Gott. Mein Kind könnte Türkisch lernen.

Wie ist es, wenn deutsche Kinder in ihrem Ort in der Minderheit sind? Bei Novemberregen las ich gerade eine ermutigende Stellungnahme, die mich in meiner Ansicht sehr bestärkt. Und ich werde weiter wütend, wenn ich so einen Bockmist wie den von Erika Steinbach lese.

Unsere Kinder könnten sich ja mit anderen Kulturen anstecken.

Als ich noch Dorfpomeranze war, hatte ich auch mal so ne Begegnung der dritten Art. Wir lebten in einem 4.000-Seelen-Nest südlich von Neumünster. L sollte demnächst in die dortige Kita gehen. Die wiederum kündigte an, eine sogenannte „integrative Gruppe“ zu installieren, in der Kinder mit besonderem Förderbedarf – sowohl deutschstämmige als auch Migranten – gemeinsam  mit Kindern ohne Förderbedarf spielen und lernen sollten.

Ich habe zuvor zehn Jahre in Hamburg gelebt und wunderte mich schon darüber, dass diese integrative Gruppe in der Kita überhaupt so groß angekündigt wurde. Der Ausländeranteil im dörflichen 4000-Seelen-Nest mochte vielleicht bei 0,00001 Prozent gelegen haben. Die ausländischen Kinder würden aus dem benachbarten Neumünster zu uns kommen. Wir sprachen hier vielleicht von vier oder fünf Dreijährigen. Wenn überhaupt.

Von nun an konnte ich besorgte Bürger in Aktion erleben.

Besorgte Eltern, um genau zu sein. Überall hörte ich dazu nur: Wieso denn das, warum denn nur, ach Du liebe Zeit, ausgerechnet mein Kind soll in diese Gruppe, und so weiter und so fort. Meine ironische Bemerkung „Oh mein Gott! Wie furchtbar – am Ende könnten unsere Kinder noch Türkisch lernen! Das wäre ja schrecklich!“ traf auf Unverständnis. Ich erlaubte mir, hinzuzufügen: Wären es kleine Engländer, wärt Ihr hochauf begeistert.

Bevor L in diese Kita gegangen wäre, sind wir weggezogen. Nicht aufgrund der Ressentiments, aus beruflichen Gründen. Wir haben in Boostedt viele nette Menschen kennen gelernt, von denen ich weiß, dass sie anders denken. Bei den meisten bin ich überzeugt, dass sie sich gegen die braune Grütze dort wehren. Andere haben mir auf Facebook Einladungen dazu geschickt, Legida zu liken. Bei denen bin ich mir da nicht so sicher.

Damals die Kita, heute die geplante Flüchtlingskaserne

Das 4000-Seelen-Nest, zwei Jahre später. Politiker, die sich für eine geplante Flüchtlingsunterkunft in der ehemaligen Bundeswehrkaserne Boostedts einsetzen, werden massiv bedroht und sogar körperlich angegriffen.

Geplantes Flüchtlingsheim, Hetze gegen Politiker: Staatsschutz ermittelt in Boostedt (Hamburger Abendblatt)

Doch auch dies ist in Boostedt möglich:

Willkommen in Boostedt: Hilfe für Flüchtlinge.

Liebe ehemalige Nachbarn und Mit-Dorfpomeranzen. Öffnet Eure Herzen, wenn sie noch nicht offen sind. Was sind sinkende Immobilienpreise gegen die Möglichkeit, etwas wirklich Gutes zu tun und anderen ein Dach über dem Kopf zu bieten, die nichts mehr haben? Zumal die Kaserne auch nur vorübergehend als Unterkunft vorgesehen ist, da die zentrale Aufnahmestelle in Neumünster ausgebaut werden soll. Und selbst, wenn das dauerhaft sein sollte. Ich begreife das Theater nicht und werde es vermutlich nie verstehen.